Deutsch im 20. Jahrhundert * Dr. Wolfgang Näser * Mi 16-18, HS 110 Biegenstraße 14 * Beginn 10.4.2002

Richthofen, Manfred Frhr. von (1892-1918): Erste Dublette und Major Hawker
Aus: Der rote Kampfflieger (Berlin/Wien 1917)

VORBEMERKUNG. Computerspiele vorweggenommen: man steigt auf, ballert herum, schießt so viele ab wie man kann, hat kindliche Freude am Erfolg. Sind genügend Feinde eliminiert, gibt's eine Belohnung.

In seiner unrühmlichen Geschichte wird der Krieg oft mit der Jagd verglichen - der Krieger als Weidmann, die Jagd sein Handwerk. Ist ihm der Kriegsgott hold, kann der Krieger Trophäen heimbringen. Stirbt der Held, ist ihm ein Platz bei den Göttern oder in der Halle des Ruhmes gewiß. Später gar wird er heilig, der Krieg, ist es bei manchen noch heute, und bleibt es, bis die Menschheit entweder gelernt oder sich ins Nichts katapultiert hat.

Von der Jagd zum Jagdflieger: kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs entsteht diese neue Spezies aus der Kavallerie; der in Breslau geborene Rittmeister Manfred Freiherr von Richthofen gilt als berühmtestes und populärstes Flieger-"As" des Ersten Weltkrieges. Am 21. April 1918 wird der junge adlige Held in seinem knallrot lackierten Fokker-Dreidecker (Bild li. unten: MS-Flugsimulator 2004) durch den australischen MG-Schützen William John "Snowy" Evans vom Boden aus erschossen und wird einen Tag später von seinen Feinden mit vollen militärischen Ehren bestattet. Schon zu Lebzeiten Legende, avanciert Richthofen nach dem Tode weltweit zur Kultfigur, viele Bücher erscheinen über ihn, sein Leben wird verfilmt, ja es gibt sogar "Red Baron"-Computerspiele und -Diskotheken. Die folgenden zwei Episoden aus seinem Buch sprechen für sich, zeigen den Krieg aus einer seltsam verspielten, unreifen Perspektive, was wiederum Anlaß bietet für jede Menge Diskussion, stehen wir doch derzeit möglicherweise vor größere Dimensionen annehmenden Kriegshandlungen, in die auch deutsche Soldaten verstrickt sind. Begriffe wie Jagdfieber, Kriegsglück, Trophäe bekommen da einen faden Beigeschmack, denn jeder Krieg ist ebenso schmutzig wie sinnlos.

Major Hawker übrigens soll, wenn man der (sehr objektiven, alle Aspekte berücksichtigenden) Verfilmung glauben kann, noch bis vor seinem letzten Flug das Gentleman-Ideal des Fliegers hoch gehalten und einen Toast auf seinen - am Fluggerät stets zweifelsfrei erkennbaren - Gegner ausgebracht haben. Offensichtlich nicht aus Feigheit zurückfliegend, wird Hawker von hinten erschossen - ein ebenso seltsamer Umstand wie der Tod des Roten Barons. W.N.

I. Der 2. April 1917 war wieder einmal ein heißer Tag für meine Staffel. Von meinem Platze aus konnten wir deutlich das Trommelfeuer hören, und gerade heute war es mal wieder sehr heftig.

Ich lag noch im Bett, da kommt mein Bursche zu mir hereingestürzt mit dem Ausruf: "Herr Leutnant, die Engländer sind schon da!" Noch etwas verschlafen gucke ich zum Fenster 'raus, und tatsächlich, da kreisen über dem Platz bereits meine lieben Freunde. Ich 'raus aus meinem Bett, die Sachen angezogen, war eins. Mein roter Vogel stand zur Morgenarbeit am Start. Meine Monteure wußten, daß mich diesen günstigen Augenblick wohl nicht ungenützt vorübergehen lassen würde. Alles war fertig. Schnell noch die Warmpelze, dann geht's los.

Ich war als letzter gestartet. Meine anderen Kameraden waren dem Feind viel näher. Ich fürchtete schon, daß mir mein Braten entgehen würde, so daß ich von weitem zusehen müßte, wie vor meinen Augen sich einige Luftkämpfe abspielen. Da plötzlich fällt einem der frechen Kunden ein, auf mich herunterzustoßen. Ich lasse ihn ruhig herankommen, und nun beginnt ein lustiger Tanz. Bald fliegt mein Gegner auf dem Rücken, bald macht er dies, bald jenes. Es war ein zweisitziges Lagdflugzeug. Ich war ihm über, und so erkannte ich denn bald, daß er mir eigentlich nicht mehr entgehen konnte. In einer Gefechtspause überzeugte ich mich, daß wir uns alleine gegenüberstanden. Also, wer besser schießt, wer die größere Ruhe und den besseren Überblick im Augenblick der Gefahr hat, der gewinnt.

Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn 'runtergedrückt, ohne ihn wirklich ernstlich angeschossen zu haben, mindestens zwei Kilometer von der Front entfernt. Ich denke, er will landen, aber da habe ich mich in meinem Gegner verrechnet. Mit einem Male sehe ich, wie er, nur wenige Meter über dem Erdboden, plötzlich weiter geradeaus fliegt und mir zu entkommen sucht. Das war mir doch zu bunt. Ich griff ihn nochmals an und zwar so niedrig, daß ich fast fürchtete, die Häuser eines unter mir liegenden Dorfes zu berühren. Der Engländer wehrte sich bis zum letzten Augenblick. Noch ganz zum Schluß spürte ich einen Treffer in meiner Maschine. Nun ließ ich aber nicht mehr locker, jetzt mußte er fallen. Er rannte mit voller Fahrt in einen Häuserblock hinein.

Viel war nicht mehr übrig. Es war wieder ein Fall glänzenden Schneids. Er verteidigte sich bis zum Letzten. Aber meiner Ansicht nach war es zum Schluß doch mehr Dummheit von ihm. Es war eben mal wieder der Punkt, wo ich eine Grenze zwischen Schneid und Dummheit ziehe. Runter mußte er doch. So hatte er seine Dummheit mit dem Leben bezahlen müssen. *

Sehr vergnügt über die Leistungen meines roten Stahlrosses bei der Morgenarbeit kehrte ich zurück. Meine Kameraden waren noch in der Luft und waren sehr erstaunt, als wir uns beim Frühstück trafen und ich ihnen dann von meiner Nummer Zweiunddreißig erzählen konnte.

Ein ganz junger Leutnant hatte seinen Ersten abgeschossen, wir waren sehr vergnügt und bereiteten uns für neue Kämpfe vor.

Ich hole meine versäumte Morgentoilette nach. Da kommt ein guter Freund - Leutnant Voß von der Jagdstaffel Boelcke - zu mir, um mich zu besuchen. Wir unterhalten uns. Voß hatte am Tage vorher seinen Dreiundzwanzigsten erledigt. Er stand also mir am nächsten und ist wohl zuerst mein heftigster Konkurrent.

Wie er nach Hause fliegt, wollte ich ihn noch ein Stückchen begleiten. Wir machen einen Umweg über die Front. Das Wetter ist eigentlich sehr schlecht geworden, so daß wir nicht annehmen konnten, noch Weidmannsheil zu haben.

Unter uns geschlossene Wolken. Voß, dem die Gegend unbekannt war, fing es schon an, ungemütlich zu werden. Über Arras traf ich meinen Bruder, der gleichfalls bei meiner Staffel ist und sein Geschwader verloren hatte. Er schließt sich uns auch an. Er wußte ja, daß ich es bin (roter Vogel).

Da sehen wir von drüben ein Geschwader ankommen. Sofort zuckt es mir durch den Kopf: "Nummer Dreiunddreißig!" Trotzdem es neun Engländer waren und auf ihrem Gebiet, zogen sie es doch vor, den Kampf zu meiden. (Ich werde nächstens doch mal die Farbe wechseln müssen.) Aber wir holten sie doch ein. Schnelle Maschine ist eben doch die Hauptsache.

Ich bin dem Feind am nächsten und greife den hintersten an. Zu meinem größten Entzücken merke ich, daß er sich gleich in den Kampf mit mir einläßt, und mit noch viel größerem Vergnügen, daß ihn seine Kameraden im Stich lassen. Ich habe ihn also bald allein vor mir. Es ist wiederum derselbe Typ, mit dem ich es vormittags zu tun hatte. Er machte es mir nicht leicht. Er weiß, worauf es ankommt, und besonders aber: der Kerl schoß gut. Das konnte ich zu meinem Leidwesen nachher noch ziemlich genau feststellen. Der günstige Wind kommt mir zu Hilfe und treibt uns beide Kämpfenden über unsere Linien. Der Gegner merkt, daß die Sache doch nicht so einfach ist, wie er sich wohl gedacht hat, und verschwindet in einem Sturzflug in einer Wolke. Beinahe war es seine Rettung. Ich stoße hinter ihm her, komme unten heraus und - Anlauf muß eben der Mensch haben - ich sitze wie durch ein Wunder genau hinter ihm. Ich schieße, er schießt, aber kein greifbares Resultat. Da - endlich habe ich ihn getroffen. Ich merke es an dem weißen Benzindunst, der hinter seinem Apparat zurückbleibt. Er muß also landen, denn sein Motor bleibt stehen.

Er war aber doch ein hartnäckiger Bursche. Er mußte erkennen, daß er ausgespielt hatte. Schoß er nun noch weiter, so konnte ich ihn sofort totschießen, denn wir waren mittlerweile nur noch dreihundert Meter hoch. Aber der Kerl verteidigte sich genau wie der von heute morgen, bis er unten gelandet war. Nach seiner Landung flog ich nochmals über ihn hinweg in zehn Metern Höhe, um festzustellen, ob ich ihn totgeschossen hatte oder nicht. Was macht der Kerl? Er nimmt sein Maschinengewehr und zerschießt mir die ganze Maschine.

Voß sagte nachher zu mir, wenn ihm das passiert wäre, hätte er ihn nachträglich noch auf dem Boden totgeschossen. Eigentlich hätte ich es auch machen müssen, denn er hatte sich eben noch nicht ergeben. Er war übrigens einer von den wenigen Glücklichen, die am Leben geblieben sind.

Sehr vergnügt flog ich nach Hause und konnte meinen Dreiunddreißigsten feiern.


II. Am stolzesten war ich, als ich eines schönen Tages hörte, daß der von mir am 22. November 1916 abgeschossene Engländer der englische Immelmann war.

Dem Luftkampf nach hätte ich mir's schon denken können, daß es ein Mordskerl war, mit dem ich es zu tun hatte. Ich flog quietschvergnügt eines schönen Tages wieder mal auf Jagd und beobachtete drei Engländer, die scheinbar auch nichts anderes vorhatten als zu jagen. Ich merkte, wie sie mit mir liebäugelten, und da ich gerade viel Lust zum Kampfe hatte, ließ ich mich darauf ein. Ich war tiefer als der Engländer, folglich mußte ich warten, bis der Bruder auf mich 'runterstieß. Es dauerte auch nicht lange, schon kam er angesegelt und wollte mich von hinten fassen. Nach den ersten fünf Schüssen mußte der Kunde schon wieder aufhören, denn ich lag bereits in einer scharfen Linkskurve. Der Engländer versuchte, sich hinter mich zu setzen, während ich versuchte, hinter den Engländer zu kommen. So drehten wir uns beide wie die Wahnsinnigen im Kreise mit vollaufendem Motor in dreitausendfünfhundert Metern Höhe. Erst zwanzigmal linksherum, dann dreißigmal rechtsherum, jeder darauf bedacht, über und hinter den anderen zu kommen. Ich hatte bald spitz, daß ich es mit keinem Anfänger zu tun hatte, denn es fiel ihm nicht im Traum ein, den Kampf abzubrechen. Er hatte zwar eine sehr wendige Kiste, aber meine stieg dafür besser, und so gelang es mir, über und hinter den Engländer zu kommen.

Nachdem wir so zweitausend Meter tiefer gekommen waren, ohne ein Resultat erreicht zu haben, mußte mein Gegner eigentlich merken, daß nun die höchste Zeit für ihn war, sich zu drücken, denn der für mich günstige Wind trieb uns immer mehr auf unsere Stellen zu, bis ich schließlich beinahe über Bapaume, etwa einen Kilometer hinter unserer Front, angekommen war. Der freche Kerl besaß nun noch die Unverschämtheit und winkte mir, als wir bereits in tausend Meter Höhe waren, ganz vergnügt zu, als wollte er sagen: "Well, well, how do you do?"

Die Kreise, die wir umeinander machten, waren so eng, daß ich sie nicht weiter als achtzig bis hundert Meter schätzte. Ich hatte Zeit, mir meinen Gegner anzusehen. Ich guckte ihm senkrecht in die Karosserie und konnte jede Kopfbewegung beobachten. Hätte er nicht seine Kappe aufgehabt, so hätte ich sagen können, was für ein Gesicht er schnitt.

Allmählich wurde selbst dem braven Sportsmann dies doch etwas zu bunt, und er mußte sich schließlich entscheiden, ob er bei uns landen wollte oder zu seinen Linien zurückfliegen. Natürlich versuchte er letzteres, nachdem er durch einige Loopings und solche Witze vergeblich probiert hatte, sich mir zu entziehen. Dabei flogen meine ersten blauen Bohnen ihm um die Ohren, denn bis jetzt war keiner zu Schuß gekommen. In hundert Metern Höhe versuchte er, durch Zickzackflüge, während deren sich von dem Beobachter bekanntlich schlecht schießen läßt, nach der Front zu entkommen. Jetzt war der gegebene Moment für mich. Ich folgte ihm in fünfzig bis dreißig Metern Höhe, unentwegt feuernd. So mußte der Engländer fallen. Beinahe hätte mich eine Ladehemmung noch um meinen Erfolg gebracht.

Mit Kopfschuß stürzte der Gegner ab, etwa fünfzig Meter hinter unserer Linie. Sein Maschinengewehr rannte in die Erde und ziert jetzt den Eingang über meiner Haustür.

blaue Bohnen f.pl. soldatensprachlich für: Kugeln, (kleine) Geschosse
brav: tapfer, tüchtig
erledigen:
(im Jargon von Soldaten und Kriminellen) töten, ermorden, (fig.) ausschalten
fallen:
in einem militärischen Kampf ums Leben kommen, getötet werden (er ist in Stalingrad ge--)
Karosserie
f. ­, -n [frz. carrosserie]: Aufbau von Kraftwagen (oberhalb des Fahrgestells): eine schnittige K.; hier: Pilotenkanzel
Ladehemmung
f. Defekt bei einer Feuerwaffe, durch den das Laden (u. damit das Schießenkönnen) verhindert wird
Looping m., auch n., -s, -s [engl. looping (the loop) = das Drehen eines Loopings, zu: loop = Schleife] (Fliegerspr.): Flug, bei dem das Flugzeug einen vertikalen Kreis beschreibt.
Staffel f.
(Milit.) der Kompanie vergleichbare Einheit eines Luftwaffengeschwaders;
unentwegt
; -er, -este» [urspr. schweiz., Verneinung von schweiz. entwegt = unruhig]: stetig, beharrlich, unermüdlich; mit gleichmäßiger Ausdauer bei etw. bleibend, durchhaltend: ein -er Kämpfer; sein -er Einsatz; u. weiterarbeiten; er sah sie u. (ohne Unterbrechung) an
Trommelfeuer
n. (Milit.): anhaltendes, starkes Artilleriefeuer [zur Vorbereitung eines Angriffs]: unter T. liegen; Ü sie war dem T. der Fragen von Journalisten ausgesetzt.
vollaufend
: (Motor:) mit maximaler Drehzahl laufend
Weidmann m.
(Pl. ...männer): weidgerechter Jäger.

Wird ergänzt * HTML, Layout, Hervorhebungen und Vorbemerkungen: Dr. W. Näser, MR * Stand: 9.6.2010