Ein Vermächtnis

Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!
Marquis Posa zu König Philipp II.
in Friedrich von Schillers "Don Carlos"


fb-sperreVor mehr als fünf Jahren, genau genommen Anfang 2013, habe ich an dieser Stelle anläßlich meines vierzigsten Doktorjubiläums zu schildern versucht, wie ich auf recht verschlungenen Wegen zur Wissenschaft kam und damit zu der Ehre, an der Alma Mater Philippina zu studieren, zu promovieren und mehrere Jahrzehnte lang auch zu lehren. Heute, wo ich (leider) mit Riesenschritten, sozusagen accelerando, einem Alter entgegeneile, in dem ich meinem Schöpfer für Leben und Gesundheit zu danken habe, möchte ich mich hier erneut zu Wort melden.

Anlaß ist eine, wenn auch (hoffentlich) nur 24 Stunden währende Sperre in  Facebook, dem weltweit größten sogenannten Sozialen Netzwerk. Was hat denn das mit Wissenschaft zu tun, könnte man jetzt einwenden. Viel, erwidere ich, sind hier nicht nur auch viele prominente Frauen und Männer der Wissenschaft zu finden, sondern eignet sich dieser mit immerhin zwei Milliarden Menschen (davon 1,2 Milliarden täglich aktiven) Teilnehmer/innen bevölkerte Raum hervorragend für vielfältige Studien der Verhaltensforschung, finden sich hier doch Angehörige aller denkbaren Ethnien, Temperamente, Altersstufen und Schichten - in meinem Falle immerhin rund 4.300 Freund/innen und Bekannte. Freunde kenne ich persönlich und / oder kann mit ihnen fruchtbar und auch bisweilen kontrovers diskutieren, Bekannte trifft man dann und wann, oft setzen sie nur ein Häkchen ("Like") und bekunden damit wohlwollendes Interesse oder auch Ablehnung.

Facebook ist ein relativ junges Kind des Internets, das, wie ich noch erlebte, in den Anfangszeiten als rechtsfreier Raum galt, was nicht zwingend oder ausschließlich als "anarchisch" zu deuten wäre, sondern im Idealfall als kreatives, nicht durch knebelnde Gesetze eingeschränktes Biotop. Mit den Jahren wurde das World Wide Web zum größten kommerziellen Netzwerk unserer Erde und lebt Facebook von der Präsenz seiner Nutzer/innen. Je mehr davon, desto mehr Werbung. Wir als FB-User stehen unter lückenloser Beobachtung. Wenn ich heute nach Schließzylindern recherchiere und ob diese für eine externe Batterietrennung meines alten Autos taugen, werde ich tags darauf im Facebook-Hauptbereich gefragt, ob ich mich auch für bestimmte Schließzylinder interessiere.

Warum diese Sperre? In meinem Falle wegen eines Adjektivs, nämlich der Farbe Schwarz, die in einem harmlosen, scherzhaften Posting (das schwarze Monster von Loch Ness ist wieder da) von dem übereifrigen Mitarbeiter einer hundertefach bevölkerten Löschzentrale offenbar als "rassistisch" misinterpretiert wurde - ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß mir als Germanisten bei sorgsamster Wortwahl in tausenden von Postings doch noch so etwas widerfahren würde. Aber man lernt ja nie aus und sollte die Dummheit gewisser Mitmenschen niemals unterschätzen.
Sperre. Man kann alles (noch) lesen, darf aber nichts schreiben (auch keinen Geburtstagsglückwunsch), keine Fotos oder Audio-Samples hochladen, nicht einmal ein "Like", selbst nicht (mehr) eine Nachricht an die "Admins" absetzen. Ein perfekter Maulkorb. Gab es schon mal in gar nicht weit zurückliegender Vergangenheit, unter einer braunen und später roten Diktatur. Wollten wir eigentlich nicht mehr haben. Ja, man kann viel wollen, ist noch eine gewisse Freiheit. Und die Gedanken sind ja angeblich frei und man könne sie nicht erschießen, sagt ein wunderbares Volkslied. Doch was vermögen solchermaßen freie Gedanken, wenn sie, eingesperrt, nicht nach außen dringen und sich mit anderen, vielleicht kontroversen, auf fruchtbare Weise messen können?

Dieser Text ist kein Generalangriff auf Facebook, sondern eine Warnung vor Fakten und Tendenzen, denen wir tagtäglich begegnen.

Zensur tötet. Die Gedanken sind frei - noch, sage ich, weil man - und das ist keine Utopie - bereits daran arbeitet, sie eines vielleicht gar nicht mehr so fern liegenden Tages meßtechnisch dekodieren zu können. Freie Gedanken sind das Kern-Element eines menschlichen Zusammenlebens, das wir seit dem griechischen Altertum Demokratie nennen. Herrschaft des Volkes, in einem Volk von mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die ohne Gefahr für Leib, Leben, Gesundheit und Sicherheit ihre Meinungen kundtun und sich darin mit anderen Menschen austauschen können, auch wenn diese Meinungen auch noch auf den zweiten Blick fragwürdig und möglicherweise gefährlich erscheinen - im letzteren Falle ist das dringend vonnöten, was man - ebenfalls in Verfolgung alter Rede-Techniken, als Überzeugungskraft (persuasio) bezeichnet. Überzeugungskraft durch Worte, nicht durch Waffen. Wie aber diskutieren, im Gedankenaustausch voneinander lernen, auf Fehler hinweisen und diese überzeugend lindern oder gar beseitigen, wenn dazu der nötige Freiraum fehlt? Wenn vorgeschrieben wird, was politisch korrekt, also (noch) vertretbar ist und was auf den Index der Meinungen gehört? Ohnmacht als Prinzip? Meinungsdiktatur ist möglicherweise die Vorstufe einer Staatsform, die in der Verbrennung von Büchern, der Verfolgung Andersdenkender, in Folter, Haft, Vernichtung endet; wir haben es millionenfach erlebt und wollten doch für immer aus unserer Geschichte lernen. Freiheit ist stets auch die Freiheit des Andersdenkenden. Eine durch Verbote, Überwachung, Sperren sabotierte Freiheit ist nur noch die der gnadenlosen, menschenfeindlichen Überwacher, die alles andere im Sinn haben als das Wohl der ihnen Anvertrauten, und das sind wir doch alle, die jene gewählt haben, welche uns in Parlamenten und Ãmtern, also in allen hoheitlichen Funktionen vertreten. Sie haben einen Eid geschworen, Schaden von den ihnen anvertrauten Staatsbürgerinnen und -bürgern fernzuhalten und das Wohl des Staatswesens zu fördern, dem sie in unserem Auftrag zu dienen haben.

In einer funktionierenden Demokratie gibt es immer ein Spektrum von Meinungen, von ganz "links" bis ganz "rechts", und eine wirklich gesunde Demokratie muß das aushalten, damit zurechtkommen. Wenn mir etwas mißfällt und ich Grund genug habe, sollte ich es aussprechen dürfen. Und wenn eine Demokratie aus dem Ruder zu laufen droht, etwa wenn mit zweierlei Maß gemessen wird und die Gerechtigkeit in Gefahr ist, muß ich meine Ansicht kundtun und bin ich zum Widerstand verpflichtet - zumindest einem gewaltlosen, verbalen. Dazu habe ich denken und angemessen sprechen gelernt, dazu darf und muß ich mich des reichhaltigen Instrumentariums einer in mehr als tausend Jahren zum Kunstwerk herangereiften Sprache bedienen, des Wichtigsten, das uns Menschen von der Tierwelt abhebt und dazu dienen sollte, unsere Menschen- und die Tier- und Pflanzenwelt optimal zu verstehen und zu fördern.

Eine Facebook-Sperre. Für einen Tag, im Wiederholungsfall für drei, dann dreißig; im Extremfall droht die Zwangs-Löschung des gesamten Accounts mit allen Freundschaften, möglicherweise tausenden von Messages, Bildern, Tondateien, und dies für immer. So gnadenlos wie selbst manches Urteil nicht in Fällen von Schwerkriminalitüt. Wie kommt diese Sperre zustande, wenn viele meiner "Postings" lediglich im Umfeld meiner "Freundschaften" erfolgen? Es gibt immer zwei Möglichkeiten, auch hier: entweder sind es wenig schmeichelfaft als "Melde-Muschis" titulierte, offenbar pathologisch besorgte Schein-Freund/innen oder vorauseilend gehorsame Angehörige von Lösch-Zentralen, die in den letzten Jahren besorgniserregend ins Kraut geschossen sind und zunehmend wohl mit Leuten besetzt werden, die zwar der deutschen Sprache in ihren Nuancen kaum mächtig sind, doch, nach allerbester CIA-Manier, Meister im Suchen verdächtiger Begrifflichkeiten, die terroristische oder diffamierende Absichten vermuten lassen. Und dann wird zugeschlagen, egal ob man sich (wie in meinem Falle) entschuldigt oder nicht.

Peanuts, sagen die, welche Facebook als Firlefanz und nutzlose Zeitverschwendung abqualifizieren. Peanuts in einer Zeit bedrohlich wachsender Tendenzen von Argwohn und Verdächtigung? Der schlimmste Feind im ganzen Land, das ist der Denunziant, hieß es doch früher in alles andere als rosigen Zeiten deutscher Geschichte. Haben wir das vergessen? Sollten wir nicht, wenn uns das Staatswesen, in dem wir zu leben die Ehre haben, und seine Zukunft etwas wert sind. Denn wir alle sind der Staat, l'état, c'est nous, und gerade in diesem Sinne darf sich der Umgang mit Datenkommunikation für uns alle, ob Professional oder Nur-Nutzer, nicht beschränken auf Wischen, Tippen, Spielen und "Simsen", sondern ist es unser aller Aufgabe, dieses anscheinend unrettbar ausufernde System von täglicher Milliarden-Datenflut und Hyper-Kontrolle nicht in eine Hölle menschenfeindlichen Zwangs abdriften zu lassen. Jawohl, es ist unser aller Aufgabe, egal wie alt wir sind, woher wir kommen, welcher sozialen Schicht, Religion, politischer Partei wir angehören. Es ist Zeit, solche Grenzen und Spaltungen jeder Art zu überwinden, sich zusammenzuschließen, sich auszutauschen im gemeinsamen Bemühen, tragfähige Lösungen für ein konflikt-, gewalt- und kriegfreies Zusammenleben zu finden. Und da richte ich mich besonders an die jungen Menschen, die das "Computieren" quasi mit der Muttermilch einsaugen in unserer Zeit, da der Internetzugang zu den unveräußerlichen Menschenrechten zu zählen beginnt, und solche Menschenrechte wollen mit aller Behutsamkeit, Vorsicht und Vermunft umgesetzt und verteidigt werden.

Seid wachsam, werdet und bleibt aktiv, laßt euch nicht überfahren, hütet die Freiheit eurer Gedanken, neben Gesundheit und Liebe euer wichtigstes, teuerstes Gut. Mehr kann ich euch nicht empfehlen in dieser schwierigen Zeit des größten politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, den unser Land jemals erlebte und der uns alle mit nur scheinbar unüberwindlichen Herausforderungen konfrontiert.

Am 1. Juli 2018       Wolfgang Näser, Marburg
Stand: 15.7.2008
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